Blue-Green Infrastructure
Wie die Eawag Städte klimaresilient machen will
Starkregen und Hitze machen auch der Schweiz zunehmend zu schaffen. Verheerende Überschwemmungen und Übersterblichkeit können die Folgen sein. Um dem entgegenzuwirken, forscht die Eawag an der «Blue-Green Infrastructure», die unsere Städte fit für den Klimawandel machen soll.
Gesperrte Strassen, Murgänge, Überschwemmungen: Im Juli und August 2025 sorgte Starkregen mehrfach für chaotische Zustände in verschiedenen Regionen der Schweiz. Noch früher im Jahr war bereits eine Hitzewelle übers Land gezogen, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnte vor den gesundheitlichen Risiken. Solche Ereignisse dürften künftig noch
zunehmen. Die Wissenschaft ist gefordert, an Lösungen für diese Herausforderungen zu arbeiten. Genau das tut Lauren Cook. Die Bau- und Umweltingenieurin hat in den USA an der Carnegie Mellon University promoviert und kam vor sieben Jahren an die Eawag. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen forschen hier an der «Blue-Green Infrastructure», auch bekannt unter dem Namen Schwammstädte.
Schwammstädte
Der Begriff steht für Stadtlandschaften, die Wasser aufnehmen, speichern und wieder abgeben. Das Ziel: den natürlichen Wasserkreislauf in der Stadt wiederherstellen und damit gleich mehrere Probleme angehen. Mehr Vegetation und durchlässige Flächen helfen, Regenwasser dort zurückzuhalten, wo es fällt – statt es ungenutzt in die Kanalisation zu leiten. Pflanzen und Böden wiederum wirken wie ein Schwamm: Sie nehmen Wasser auf, speichern es vorübergehend und geben es langsam wieder ab. So wird nicht nur die Kanalisation entlastet, sondern auch das Wasser gereinigt, bevor es in den natürlichen Kreislauf zurückkehrt. Gleichzeitig tragen grüne Flächen und Verdunstung zur Abkühlung der Stadt bei.
«Unter dem Klimawandel werden sowohl Hitze als auch Starkregen zunehmen», sagt Cook. «Schwammstädte sind eine Lösung zur Anpassung an den Klimawandel.» Zu den Elementen der «Blue-Green Infrastructure» zählen Gründächer, Teiche, urbane Feuchtgebiete, Regengärten oder durchlässige Pflasterungen. In der Schweiz werden solche Konzepte zunehmend umgesetzt – etwa im Zürcher Quartier Greencity am Sihlhang, wo Regenwasser vor Ort versickert und zurückgehalten wird. Auch in Basel und Lausanne laufen erste Pilotvorhaben.
Wie Lösungen in der Praxis aussehen können, hat Cooks Team u. a. auf den Dächern der Eawag getestet. Über fünf Jahre untersuchten die Forschenden dort, wie sich verschiedene Vegetationsarten und Kombinationen – etwa mit Solarpanels – auf Kühlung, Wasserretention und Energieeffizienz auswirken. Ein Grossteil von Cooks Arbeit spielt sich jedoch nicht auf Dächern, sondern am Computer ab. Mit Modellen simuliert sie, wie sich «Blue-Green Infrastructure» in unterschiedlichen Klimaszenarien bewährt – bei mehr Hitze, längeren Trockenperioden oder heftigeren Regenfällen. Ziel ist herauszufinden, welche Kombinationen am effektivsten wirken und wie sie sich in bestehende Stadtstrukturen integrieren lassen.
«Wir forschen alle an einer klimaresilienten Zukunft. Schwammstädte sind eine Lösung, um sich dem Klimawandel anzupassen.»
— Lauren Cook
Dass dafür viele Disziplinen zusammenkommen müssen, versteht sich fast von selbst. «Sponge Cities berühren Ingenieurwesen, Ökologie, Sozialwissenschaften, Architektur – kein Fach allein kann das abdecken», sagt Cook. Wo Wasserflächen und Vegetation neu entstehen, entstehen auch Lebensräume – für Insekten, Vögel, Pflanzen. Gleichzeitig stellen sich soziale Fragen: Wie sicher, wie attraktiv, wie akzeptiert sind solche Räume? Ohne Zielkonflikte geht es auch hier nicht. Fühlen sich beispielsweise die Menschen in der Nachbarschaft durch mehr Insekten gestört?
Zudem ist auch die «Blue-Green Infrastructure» nicht CO₂-neutral, denn jede Infrastruktur verursacht Emissionen beim Bau. «Aber sie bringt viele Vorteile», sagt Cook. «Letztlich geht es ums Abwägen und Priorisieren.» Um diese Balance zwischen Nutzen und Aufwand besser zu verstehen, setzt die Eawag auf sogenannte «Living Labs»: Reallabore, in denen Forschende gemeinsam mit Städten sowie Bürgerinnen und Bürgern beobachten, wie solche Systeme im Alltag funktionieren.
Gleichzeitig ist die Schweiz Teil eines weltweiten Lernprozesses. «Klimawandel stellt alles auf den Kopf», sagt Cook. «Unsere bisherigen Annahmen zur Infrastrukturplanung gelten nicht mehr. Blue-Green Infrastructure kann helfen, weil sie flexibel ist.» Von Partnern in den USA, Australien oder Kanada übernimmt die Eawag Erfahrungen bei der Planung und beim Unterhalt solcher Systeme.
Umgekehrt fliesst Wissen aus der Schweiz in globale Netzwerke zurück – etwa zu Biodiversität, Gewässerschutz und ökologischer Stadtentwicklung. Cooks Anliegen ist es, Forschung und Ingenieurspraxis enger zu verbinden – damit die Ideen aus den Laboren und Modellen tatsächlich in der Realität ankommen. «Wir müssen Lösungen entwickeln, die nicht nur theoretisch funktionieren, sondern wirklich umgesetzt werden können», sagt sie. Damit unsere Städte für die Zukunft gewappnet sind.