Gebietsüberwachung durch Waldschutz Schweiz

Der «Baumdoktor» im Dienst der Waldgesundheit

Als Bub verbrachte Valentin Queloz seine Freizeit am liebsten im Wald. Heute ist dieser Spielplatz aus Kindheitstagen sein Arbeitsfeld. Er leitet die Gruppe Waldschutz Schweiz an der WSL und verantwortet mit der «Gebietsüberwachung» ein landesweites Frühwarnsystem.

Wenn Valentin Queloz an Fachtagungen auf Mikrobiologinnen und -biologen trifft, die sich mit dem menschlichen Mikrobiom auseinandersetzen, stellt er fest: «Eigentlich beschäftigen uns sehr ähnliche Themen. Ein gesunder Wald ist wie ein gesunder Mensch: Er hat ein stabiles Mikrobiom, in dem vieles zusammenwirkt.»

Dabei hätte der Romand auch gute Gründe, pessimistisch zu sein: Der Klimawandel begünstigt gewisse Schädlinge. «Es gibt einheimische Käfer, die als wechselwarme Organismen von den höheren Temperaturen profitieren und heute mehr Generationen schaffen als früher. Auch die milderen Winter erlauben die Etablierung von mediterranen Arten», erklärt Queloz. Gleichzeitig steige die Zahl der eingeschleppten
Organismen exponentiell.

Waldschutz Schweiz

erhebt zusammen mit den kantonalen Forstdiensten Vorkommen und Ausmass von biotischen und abiotischen Beeinträchtigungen des Waldes, informiert über aktuelle Waldschutzereignisse, berät Betroffene bei Waldschutzfragen, und engagiert sich in der Weiterbildung von Forstdiensten, der Grünen Branche, Studierenden und weiterem Fachpersonal.

Mit der Gebietsüberwachung – ein landesweites Frühwarnsystem, das den Schweizer Wald vor invasiven Schadorganismen schützen soll – begegnet die WSL dieser Entwicklung. Die Forschungsanstalt will damit Gefahren nicht erst entdecken, wenn sie sich schon durch halbe Wälder gefressen haben. Prävention statt Behandlung, lautet die Maxime. «Früher hat man einfach gemeldet, wenn man etwas gefunden hat», sagt Queloz, «heute suchen wir gezielt und können sagen:
Wir haben geprüft, und es ist nicht da.» Überwacht werden acht Zielarten, die auf der Quarantäneliste der EU stehen – darunter der Asiatische Laubholzbockkäfer, der Eschenprachtkäfer und der Kiefernholznematode. Auch zwei Pilzkrankheiten, der «plötzliche Eichen- und Lärchentod» und der Pechkrebs der Föhre, gehören dazu.

Auf 75 Überwachungsflächen in 16 Kantonen werden in Trichterfallen in den Baumkronen Insekten gefangen, aber auch Sporen gesammelt. Waldschutzbeauftragte der Kantone, oft Försterinnen oder Forstingenieure, leeren im Frühling/Sommer die Fallen monatlich und schicken die Ausbeute an die WSL. Pro Jahr kommen so rund 600 bis 1000 Proben zusammen. «Wir sortieren Probeninhalte und suchen nach den Zielarten. Dazu schauen wir, ob gebietsfremde, nicht gelistete Arten auch in den Proben vorhanden sind», so Queloz.

«Wir sind also die Drehscheibe zwischen Forschung, Politik und Praxis». So untersucht Queloz’ Gruppe zusammen mit Fachleuten der Gruppen Phytopathologie und Waldentomologie, wie sich verschiedene Arten in die Schweiz ausbreiten, und testet DNA-Analysen, um neue Arten im Spurenmaterial schneller zu erkennen. «Wir arbeiten daran, dass man in Zukunft aus einer Art genetischer Suppe lesen kann, welche Insekten oder Pilze unterwegs sind.» Noch sind diese Methoden aufwendig und teuer. «Aber wir forschen weiter, um das günstiger und effizienter zu machen», so der Wissenschaftler.

Valentin Queloz sortiert Probeninhalte in Oberwinterthur, einer
Gebietüberwachungsfläche des Kantons Zürich.

Valentin Queloz glaubt nicht, dass die Wälder verschwinden, wohl aber, dass sich ihre Leistungen verändern werden. «Die grosse Frage ist, was wir von ihnen erwarten. Sollen sie CO₂ speichern, Wasser filtern oder Schutz bieten? Entsprechend müssen wir handeln.»

Sein Team ist ebenso breit aufgestellt wie die Aufgabe selbst. Biologinnen, Forstingenieure, Datenanalystinnen, Laborfachleute – alle tragen ihren Teil bei, damit sich invasive Organismen nicht unbemerkt etablieren. Das System funktioniert nur, weil die Kantone mitziehen. Sie betreuen die Flächen, die WSL liefert das Material und die Anleitung, wie die Fallen zu leeren sind.

Bei einem Verdacht auf Quarantäne Organismen rücken er und seine Leute allerdings selbst aus, um sich vor Ort ein Bild zu machen und um sicherzustellen, dass allfällige Schädlinge durch die Eingriffe des Menschen nicht noch weiter verbreitet werden. Besonders freut ihn, wenn das Wissen aus der Forschung direkt Wirkung zeigt. «Fachleute, die unsere Kurse und Vorträge besucht haben, melden uns häufig verdächtige Waldschutzfälle aus ihrem Alltag. Dies erhöht indirekt die Überwachungsdichte», erzählt Queloz.

«Das sind Erfolgserlebnisse. Und sie tragen zur Prävention bei.»

Einmal im Jahr treffen sich alle Waldschutzbeauftragten zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) und der WSL. «Die Zusammenarbeit ist sehr gut», betont Queloz, «am Ende wollen ja alle das Gleiche: gesunde Wälder.»

Aus dem Bub, der als Kind durch die Wälder streifte, ist ein Forscher geworden, der sich die Faszination für dieses Ökosystem bewahrt hat – mit all seinen Facetten: «Wir arbeiten mit Krankheit und Tod», sagt er, «aber oft entstehen dadurch auch schönere Wälder. Wenn im Mittelland Borkenkäfer Fichtenbestände zerstören, wächst Laubholz nach und der Wald wird vielfältiger.» Und als Forscher freue er sich natürlich, wenn er etwa eine neue Pilzart entdeckt, selbst wenn sie den Bäumen schade.

«Wir müssen im Feld manchmal unseren Enthusiasmus etwas zügeln», sagt Queloz, der selbst Berufserfahrung im Forstdienst hat. Der promovierte Forstingenieur hat an der ETH Zürich studiert und sich schon früh auf Waldgesundheit und Pilzkrankheiten spezialisiert. Seine Dissertation widmete er den Wurzelpilzen an Fichten und dem Eschentriebsterben – Themen, die ihn bis heute begleiten. Bevor er zur WSL stiess, war er parallel zu seiner Forschungstätigkeit an der ETH Zürich im Kanton Jura für den Waldschutz zuständig. Diese Doppelfunktion zwischen Forschung und Praxis kommt ihm heute zugute. Als sich dann 2015 die Gelegenheit bot, eine Vollzeitstelle an der WSL zu
übernehmen, zögerte er nicht: «Es passte perfekt zu meinem Werdegang.»