Der ETH-Bereich mit seinen sechs eidgenössisch finanzierten Institutionen und dem ETH-Rat als strategisches Führungs- und Aufsichtsorgan ist ein komplexes und einzigartiges System – und sehr erfolgreich. Der Historiker Urs Hafner hat die Geschichte des ETH-Rats aufgearbeitet und zeigt auf, wie dieser die Entwicklung der Schweizer Wissenschaft beeinflusst und wie der ETH-Bereich zu dem wurde, was er heute ist.

Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

Gegründet 1855 als nationale Ingenieurschmiede ist die ETH Zürich heute weltbekannt. Viel weniger bekannt ist hingegen der ETH-Rat, der damals gleichzeitig seine Arbeit aufnahm, als Schulrat des so genannten Polytechnikums. Über die Jahrzehnte kamen weitere Institutionen dazu, die Empa, die WSL, die Eawag und schliesslich auch die EPFL und das PSI. Zusammen bilden die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen und die vier Forschungsanstalten heute den ETH-Bereich. Entsprechend haben sich auch die Aufgaben des ETH-Rats gewandelt: von der obersten Behörde des «Polys» zum strategischen Führungs- und Aufsichtsorgan von sechs Institutionen und gleichzeitig zu deren Vertreter gegenüber der Politik und dem Bund.

Dieses System, in das die Institutionen des ETH-Bereichs eingebettet sind, ist komplex, aber auch sehr erfolgreich. Lassen Sie mich das kurz ausführen: Eine zentrale Rolle spielt die Autonomie – und zwar gleich auf mehreren Stufen. Einerseits regelt der ETH-Rat seine Belange im Rahmen des Gesetzes selbstständig und vertritt den ETH-Bereich gegenüber der Politik und dem Bund. Andererseits sind die ETH Zürich und EPFL sowie die vier Forschungsanstalten autonome öffentlich-rechtliche Anstalten des Bundes, die je ihre eigene Rechtspersönlichkeit haben und ihre Angelegenheiten selbständig regeln und verwalten. Diese Unabhängigkeit gegenüber der Politik ist ein wichtiges Element des Erfolgs des Schweizer Wissenschaftssystems. Der ETH-Bereich und seine Institutionen müssen autonom ihre Strategie und ihre Forschungsschwerpunkte festlegen können. Nur die Forschenden selbst in ihrer Freiheit und Motivation werden die richtigen Themen aufgreifen.

Diese «doppelte Autonomie» lässt sich gut darstellen an der Finanzierung: Das Parlament spricht einen Zahlungsrahmen über vier Jahre, der Bundesrat definiert für die gleiche Periode strategische Ziele für den ETH-Bereich. Über die Verteilung der Mittel an die Institutionen entscheidet der ETH-Rat. Wie die beiden Hochschulen und vier Forschungsanstalten ihr Budget einsetzen in der Lehre, der Forschung, dem Wissens- und Technologietransfer, für die Infrastruktur und das Personal, das entscheiden sie im Rahmen der strategischen Ziele selbst.

Dieses sehr komplexe und im Austausch lebende System ist ein in sich typisches Phänomen der modernen Eidgenossenschaft. Es ist ein liberales System, das viele Freiheiten lässt und nicht von oben diktiert wird. So wie die Schweizerische Demokratie Diskussionen und den Austausch braucht, so ist auch das Wissenschaftssystem immer wieder herausgefordert. Die verschiedenen Akteure müssen im Diskurs den richtigen Weg für die Wissenschaft zum Wohle des Landes und der Gesellschaft finden. Das gibt immer mal wieder einen kleineren Disput oder eine grössere Eruption, bringt aber auch eine enorme Stabilität. Dieser Weg des Aushandelns mit vielen Diskussionen und Kompromissen hat die Schweiz – und mit ihr den ETH-Bereich – zu einem der innovativsten Länder der Welt gemacht. Nun ist es wichtig, angesichts der anstehenden Herausforderungen wie der Digitalisierung oder dem Klimawandel die Weichen für die Zukunft zu stellen. Auch hier werden wir wieder viel Austausch zwischen Politik, Forschungsinstitutionen und den Forschenden selbst brauchen. Der ETH-Bereich steht im Dienste der Schweiz und hilft mit, die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft unseres Landes zu stellen.

Der Historiker Urs Hafner hat im Auftrag des ETH-Rats, aber inhaltlich unabhängig, die Geschichte und Entwicklung des ETH-Rats beleuchtet und auch kommentiert. An dieser Stelle einen herzlichen Dank dafür. Und nun wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre.

Michael O. Hengartner,
Präsident des ETH-Rats