Prof. Dr. Michael O. Hengartner

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

Es ist unmöglich, in einem Geschäftsbericht über das Jahr 2020 die Corona-Pandemie nicht zu erwähnen. Zu sehr hat sie das Leben von uns allen verändert. Im ETH-Bereich denke ich dabei insbesondere an die Studierenden. Von einem Tag auf den anderen durften sie den Vorlesungen nur noch online folgen und hatten keinen Zugang mehr zu den Gebäuden und den Campus der beiden ETH. Der persönliche Austausch mit Studienkolleginnen und -kollegen vor Ort fiel komplett weg. Das Zuhause – meistens eine WG, ein Studierendenwohnheim oder das Zimmer bei den Eltern – wurde eng. Ich denke aber auch an all die Mitarbeitenden des ETH-Bereichs, denen es ähnlich ging: Homeoffice und virtuelle Teamsitzungen anstatt gemeinsamer Kaffeepausen. Dabei Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, wenn Kindergärten und Schulen geschlossen und die Kinder zuhause sind, war eine grosse Herausforderung.

Viele dieser Studierenden, Doktorierenden und Mitarbeitenden im ETH-Bereich haben dennoch – oder gerade deswegen – in zahlreichen Projekten wichtige Beiträge geleistet, um bei der Bewältigung der Corona-Pandemie zu helfen. So lancierten Studierende Online-Plattformen, die Hilfspersonal an Institutionen des Gesundheitswesens vermittelten. Forschende im ETH-Bereich testeten die Qualität von Masken, analysierten die Struktur des Virus, wiesen es im Abwasser nach oder entwickelten im Auftrag des Bundes die SwissCovid App. Sie standen Medien und Behörden zur Verfügung, wenn es um die Bedeutung von Aerosolen, den sogenannten R-Wert, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie oder um die Frage ging, wo und wie sich das Virus am stärksten verbreitet.

Eine besondere Rolle spielte die Swiss National COVID-19 Science Task Force. Ursprünglich als Idee aus dem ETH-Bereich entstanden, erhielten der Schweizerische Nationalfonds, swissuniversities und die Akademien der Wissenschaften Schweiz vom Bund das Mandat, Behörden mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beraten, um sie bei ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen. Diese Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaft und Politik ist nicht immer konfliktfrei, da verschiedene Systeme und Rollenverständnisse aufeinandertreffen. Ich bin aber überzeugt, dass sie fruchtbar und für beide Seiten gewinnbringend ist. Ich wünsche mir, dass diese Zusammenarbeit auch bei anderen Themen vertieft und institutionalisiert wird. Sei dies im Klima- und Umweltbereich, bei der Digitalisierung oder im Gesundheitswesen.

Die Schweiz kann stolz sein auf den ETH-Bereich – und auf ihr Bildungs- und Forschungssystem insgesamt. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler engagierten sich in dieser aussergewöhnlichen Zeit enorm zugunsten der Allgemeinheit. Die Schweizer BFI-Akteure haben gezeigt, dass es sich lohnt, in qualitativ hochstehende Lehre, Forschung sowie Wissens- und Technologietransfer zu investieren und ihre Autonomie zu achten – so wie es Politik und Gesellschaft seit jeher tun. Vielen Dank dafür!

Bern/Zürich, im Januar 2021

Michael O. Hengartner
Präsident des ETH-Rats