01. Mai 2013

Im ETH-Bereich besteht Konsens darüber, dass in der akademischen Welt für beide Geschlechter gleiche Karriere- und Gehaltsbedingungen herrschen müssen und dass die nachrückende Generation talentierter Forscherinnen und Forscher gefördert werden soll. Nur so kann es gelingen, die international besten Köpfe an die ETH Zürich, die EPFL oder die Forschungsanstalten zu holen. Darauf legt jede Institution grossen Wert und setzt sich sehr dafür ein. Das Angebot ist vielfältig. Dies zeigt eine kleine Tour d’Horizon.

Karriere-Flaschenhals nach der Promotion: Eine grosse Hilfestellung bietet der «Kinderpavillon» – die Kindertagesstätte der Eawag und der Empa – auch der Postdoc-Wissenschaftlerin Alexandra Kroll (Foto: Michael Sieber, Langnau/Zürich).

«Der ETH-Bereich schafft attraktive und familienfreundliche Arbeitsbedingungen, fördert die Chancengleichheit und bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus.» So lautet der Kernsatz im Leistungsauftrag zum Ziel 5, «Arbeitsbedingungen, Chancengleichheit und Nachwuchsförderung». Wie aber steht es damit in der Praxis des Alltags? Eine Auswahl an Beispielen gibt einen kleinen Einblick.

Erste Station, um einen Einblick in die Förderung junger Talente zu geben, ist Sonja Negovetic, stellvertretende Leiterin der Stabsstelle Forschungskoordination an der ETH Zürich. «In der Nachwuchsförderung unterstützen wir Personen auf allen Stufen der akademischen Laufbahn, vom Master über das Doktorat bis hin zum Postdoc oder zur Assistenzprofessur», erläutert sie. Studierende, die einen Master an der ETH Zürich absolvieren wollen, können sich etwa beim «Excellence Scholarship & Opportunity Programme (ESOP)» bewerben. Diese Begabtenförderung ist offen für interne und externe Bewerberinnen und Bewerber, unabhängig von deren Nationalität. Finanziert werden diese Stipendien aus Drittmitteln. Bis Ende 2012 haben insgesamt 143 Studierende ein ESOP-Stipendium erhalten, 51 davon sind Frauen. Dabei haben 60 von ihnen, insgesamt 42 Prozent, vorgängig ihren Bachelorabschluss an der ETH Zürich erworben.

Ergänzend zu den Programmen des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) oder auch der EU, können Forschende an der ETH Zürich Projekte beim kompetitiven Programm «ETH Zurich Research Grants» einreichen, mit denen Doktorierende gefördert werden. Im Fokus stehen dabei innovative oder unkonventionelle Forschungsprojekte vor allem in der Grundlagenforschung, die das Potenzial haben, spannende Resultate hervorzubringen, und für die bei externen Förderinstrumenten nur schwer Mittel zu erhalten wären. Das «ETH Zurich Postdoctoral Fellowship Program» richtet sich an junge Forschende mit exzellenten internationalen Referenzen von ausserhalb der ETH Zürich. «Damit», sagt Sonja Negovetic, «profiliert sich die ETH Zürich als attraktiver Forschungsstandort für exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt.» Das Programm wird von der EU («COFUND») mitfinanziert. An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Forschung und Industrie sind die Pioneer Fellowships angesiedelt, die dazu dienen, vielversprechende Resultate aus einer Forschungsarbeit zu einem innovativen Produkt oder einer innovativen Dienstleistung weiterzuentwickeln. Um ein Pioneer Fellowship können sich Masterstudierende und Doktorierende bewerben. Diese werden über Drittmittel finanziert.

Besondere Förderung: The Branco Weiss Fellowship
Ein Nachwuchsförderungs-Programm der besonderen Art ist die «Society in Science – The Branco Weiss Fellowship», welche vom Unternehmer und Philanthropen Branco Weiss an der ETH Zürich gegründet wurde. Es fördert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Stufe Postdoc, unabhängig von Herkunft, zukünftigem Ort der Tätigkeit oder Fachgebiet. Im Jahre 2012 durfte die ETH Zürich bekannt geben, dass sie für dieses Nachwuchsförderungsprogramm aus dem Nachlass von Branco Weiss weitere rund 100 Mio. CHF erhalten wird. Damit ist die Existenz des Programms auf Jahre hinaus gesichert. 2012 wurden aus den rund 450 Bewerberinnen und Bewerbern acht neue Fellows ausgewählt. Junge Forschende, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben, können sich um eine Assistenzprofessur bewerben. Im Rahmen ihrer Professurenplanung besetzt die ETH Zürich einen Teil ihrer Stellen auf Stufe Assistenzprofessur, meist mit Tenure Track. Darüber hinaus können sich junge Forschende um eine Förderprofessur des SNF oder um einen ERC Starting Grant bewerben.

Von Zürich geht es nach Lausanne zur EPFL und Farnaz Moser-Boroumand, ihres Zeichens Beauftragte für Chancengleichheit. Sie zeigt uns mehrere Massnahmen auf, um die Chancengleichheit auf allen Altersstufen zu fördern. Für Mädchen zwischen sieben und 15 Jahren gibt es Kursangebote wie «Internet für Mädchen» oder «Roboter, eine Angelegenheit für Mädchen» sowie Wissenschaftswochen ausschliesslich für Mädchen. So erhalten sie Einblick in die faszinierende Welt der Ingenieurwissenschaften. Der Hochschul-Bus «Les sciences, ça m’intéresse!» ist in der französischen Schweiz seit 2009 unterwegs, um das Interesse der Jugendlichen und insbesondere der Mädchen für die Wissenschaften zu wecken. Die Aktivitäten wurden 2012 ausgebaut und stehen nun auch Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I offen. Über 4000 Mädchen profitieren Jahr für Jahr vom Programm des Bureau de l’égalité des chances der EPFL, das den Jugendlichen die MINT-Fächer schmackhaft machen soll. «Damit die Studentinnen und Wissenschaftlerinnen über die nötigen Werkzeuge verfügen, im richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung treffen und alle Chancen für eine erfolgreiche akademische Karriere nutzen können, wurde ein breites Angebot ausgearbeitet, zu dem unter anderem mehrere Mentoring- und Coaching-Programme gehören», erklärt Farnaz Moser-Boroumand.

Frauen gehen im Laufe der Karriere «verloren»
Dass diese Anstrengungen zur Förderung des weiblichen Nachwuchses notwendig sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen. An der EPFL bewegt sich der Frauenanteil bei den Studierenden, Doktorierenden und Postdocs um die 27 Prozent, bei den Professuren beträgt dieser nur 12 Prozent. Zu den getroffenen Massnahmen gehört der laufende Ausbau der Infrastruktur zur Kinderbetreuung, damit sich Familienleben und Karriere besser miteinander vereinbaren lassen. In den beiden Kinderhorten des Campus werden regelmässig neue Plätze geschaffen. Seit knapp zehn Jahren existiert auch eine Struktur mit Kindergarten und zusätzlichem Betreuungsangebot ausserhalb der Schulzeiten. Flexible Arbeitszeiten stehen an der EPFL hoch im
Kurs. Nach einer aktuellen Umfrage sind 78 Prozent der Befragten mit dem Angebot in diesem Bereich «zufrieden», davon 39 Prozent «sehr zufrieden».

Eine nächste Station führt zu Ines Günther-Leopold. Die promovierte Chemikerin ist Gruppenleiterin im Forschungsbereich Nukleare Energie und Sicherheit und auch Sprecherin des Komitees für Chancengleichheit am Paul Scherrer Institut (PSI). Das Gespräch dreht sich zunächst um die Feststellung, dass Nachwuchsförderung im Grunde nicht früh genug beginnen kann und dass diese oftmals eng mit der Chancengleichheit zusammenhängt. Wenn der Frauenanteil bei Maturandinnen und Maturanden deutlich höher ist als noch vor wenigen Jahren, die Zahlen bei den Studierenden von technisch-naturwissenschaftlichen Fächern dies aber nicht gleichermassen wiedergeben und das PSI punkto Frauenanteil in Führungsfunktionen trotz zahlreicher Massnahmen die gesteckten Ziele nicht erreicht, zeigt dies für Ines Günther-Leopold zweierlei: «Die Sensibilisierung für die sogenannten MINT-Fächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik muss früh erfolgen, und noch immer verlieren wir zu viele Frauen auf dem Weg nach oben.» Rezepte dagegen werden am PSI über verschiedene Wege gesucht. Um die Rückkehr von Frauen nach einer familienbedingten Pause zu erleichtern, hat das PSI ein Wiedereinsteigerinnen- Projekt für junge Wissenschaftlerinnen lanciert. Am sogenannten «Tochtertag» (seit zwei Jahren ein «Zukunftstag» für Mädchen und Jungen) erhalten Mädchen am PSI erste Einblicke in die naturwissenschaftlich-technisch geprägte Arbeitswelt ihrer Eltern. Im «iLab – das Labor für die iPod-Generation», wie es auf der PSI-Homepage heisst, soll «ein naturwissenschaftliches Feuer in den Jugendlichen entfacht werden». Das Schülerlabor mit Experimentierplätzen für zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler befindet sich direkt auf dem PSI-Areal im aargauischen Villigen. Die Besuchergruppen, die mit Link und Bild auf der PSI-Homepage verewigt sind, gehen inzwischen in die Hunderte.

Wunsch nach Jahresarbeitszeit
«Die zentrale Frage bleibt: Wie kann das PSI ein attraktiver Arbeitgeber sein und bleiben? Nur wenn das gelingt, können wir auch in Zukunft die besten Köpfe anlocken», sagt Ines Günther-Leopold; «in diesem Zusammenhang rücken dann ganz andere Probleme ins Blickfeld.» Es geht um Teilzeitarbeit für junge Forschende beiderlei Geschlechts, die Kinderbetreuung und Beruf verbinden wollen. Aber auch um flexible Arbeitsmodelle für ältere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie um Karriereplanungen für jüngere. Auf all diesen Gebieten bemüht sich das PSI um Lösungen. Bereits 2009 hatte das PSI eine Umfrage gestartet zum Thema Arbeitszeitflexibilität und ergänzende Kinderbetreuung. Resultat: Insbesondere Frauen wünschen sich Modelle wie Jahresarbeitszeiten oder Telearbeit und institutionalisierte Betreuungsangebote im Krankheitsfall von Kindern oder verstärkte Ferienangebote. Inzwischen gibt es einmal jährlich während der schulfreien Zeit ein Feriencamp für Kinder von PSI-Angestellten, welches die Möglichkeit bietet, Kinder frühzeitig für die Welt von Naturwissenschaft und Technik zu begeistern. Ein wesentlicher Baustein im Themenfeld «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» ist die seit vielen Jahren bestehende Kindertagesstätte auf dem Areal des Forschungsinstituts, welche derzeit von rund 75 Kindern besucht wird.

«Workplace Diversity Koordinatorin» lautet die offizielle Bezeichnung der Funktion, welche die ausgebildete Organisationspsychologin Ursula Gut an der WSL in einem 70-Prozent-Pensum ausübt. Ihren Job umschreibt sie mit folgenden Worten: «Ich beschäftige mich mit Themen und Umsetzungsprojekten, welche die Chancengleichheit im Arbeitsumfeld zwischen Frauen und Männern, Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener ethnischer Zugehörigkeit und Weltanschauung, mit unterschiedlichen Voraussetzungen betreffend Gesundheit und sexuelle Orientierung fördern sollen.» Im Zentrum stehen auch hier Gender-Fragen und die Sensibilisierung der Mädchen für naturwissenschaftlich- technische Fachrichtungen. Hinzu kommen aber an der WSL auch verschiedene Formen der Karriereplanung und Nachwuchsförderung. Das sind Studierende, die nach dem Master ein halbjähriges Praktikum absolvieren, oder Doktorandinnen und Doktoranden, die an der Forschungsanstalt betreut werden. Seit 2012 läuft zudem ein Pilotprojekt zur Unterstützung von befristet angestellten älteren Mitarbeitenden. «Bevor der Vertrag ausläuft, nehmen wir mit den Betroffenen Kontakt auf und bieten ihnen auf freiwilliger Basis Unterstützung an», sagt Ursula Gut. «Das beinhaltet oft ganz praktische Dinge wie die Erstellung einer einwandfreien Bewerbungsmappe.» Dies dient dem Ziel, die Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten.

Förderung der Postdoc-Forschenden
Zuoberst auf der Webseite der Empa zum Thema Chancengleichheit prangt in Handschrift ein einziges Wort in rotschwarzen Lettern: «together». Unter diesem Stichwort subsumiert Christiane Löwe sämtliche Massnahmen, die mit ihrem Job als Empa-Beauftragte für Chancengleichheit und Vielfalt verbunden sind; wenn es der Sache dient, stellt sie sich gerne selber als Moderatorin ins Rampenlicht. Im vergangenen September etwa, als zusammen mit der Eawag der Business-Lunch «Women meet Women» neu aufgelegt wurde. Christiane Löwe befragte dabei die Eawag-Assistenzprofessorin Lenny Winkel über ihre Erfahrungen als Postdoc-Wissenschaftlerin an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen in Europa. Für die Zuhörerinnen waren das First-Hand-Informationen über die Bedeutung der Mobilität für eine wissenschaftliche Karriere: Kurz zuvor hatte Lenny Winkel aufgrund ihrer herausragenden Leistungen eine Förderungsprofessur des SNF erhalten. Ein schönes Beispiel für effiziente Frauenförderung. Nun will Christiane Löwe 2013 als Teil des «COFUND»-Karriereförderungsprogramms «Empa Postdocs» neue Kurse für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anbieten – auf dass solche Beispiele wie das von Lenny Winkel Schule machen.

Mitorganisatorin dieses Auftritts war auch Alexandra Kroll, Postdoc-Wissenschaftlerin in der Abteilung Umwelttoxikologie der Eawag und Sprecherin des Komitees für Chancengleichheit und Nachwuchsförderung. Die Mutter eines dreijährigen Kindes – dieses besucht die hauseigene Kindertagesstätte – weiss aus eigener Erfahrung um den Karriere-Flaschenhals, der sich für viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und insbesondere für Frauen nach der Promotion auftut. «Bei der Eawag beispielsweise sind frei werdende feste Stellen eher rar», sagt Alexandra Kroll. «Postdocs müssen sich grundsätzlich überlegen, wie sie mit der Unsicherheit einer wissenschaftlichen Karriere umgehen, oder Alternativen in der Privatwirtschaft suchen.» Die Eawag bietet auch da Hilfestellung. So gibt es seit Herbst 2012 wieder Coaching-Programme für Postdocs. Am Eröffnungsevent sprach die ehemalige Wissenschaftlerin und heutige selbständige Personalentwicklerin Monica Clausen zum Thema: «From luck to mastery: Women and their academic careers».